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Der Handlungsreisende und der Tod
Den Krieg menschlicher machen: Henry Dunant, Gründer des Roten Kreuzes, hat
es versucht und ging auch daran zugrunde
von Robert Leicht
Als Henry Dunant im Frühsommer des Jahres 1859 aufbrach, um Napoleon III.
seine Aufwartung zu machen, hatte er den Mammon vor Augen, nicht die
Menschlichkeit. Der 31-jährige Genfer Patriziersohn wollte ein ziemlich
wackliges Handelsgeschäft in Algerien anschieben. Da die französischen Behörden
sich offenbar nicht allzu kooperativ verhielten, wünschte Dunant den Kaiser der
Franzosen selbst zu sprechen - nur, dass dieser gerade bei seinem Heer in der
Lombardei war, das aufseiten der Italiener in deren nationalem Einigungskrieg
gegen die Österreicher kämpfte. Ein Sonderling musste dieser Henry Dunant wohl
gewesen sein, wenn er ernstlich geglaubt hatte, Napoleon III. hätte Zeit für
seine Geschäfte.
Statt auf den Kaiser traf der wunderliche Handlungsreisende - auf den Tod.
Der Zufall wollte es, dass Henry Dunant just dann südlich des Gardasees
angelangt war, als bei Solferino am 24. Juni 1859 eine schreckliche Schlacht
ausgetragen wurde. Über 300 000 Mann standen dort einander gegenüber. Am
Ende waren die Österreicher geschlagen - und 40 000 Soldaten gemetzelt und
verstümmelt. In seinen Memoiren schreibt Dunant, er sei zwar als Tourist dabei
gewesen: mais un touriste tout préoccupé des questions d'humanité - als
ein Tourist, aber ganz von humanitären Fragen besessen.
Das trifft zeitlich so wenig zu wie der Eindruck, er sei selber Augenzeuge
der Schlacht von Solferino gewesen. Aber Dunant bekommt, am Tage darauf im acht
Kilometer von Solferino entfernten Dorf Castiglione angelangt, die schrecklich
zugerichteten Opfer zu Gesicht und bemüht sich nach Kräften zu tun, was zu tun
bleibt.
Drei Jahre später, im Jahr 1862, bringt Henry Dunant ein Büchlein heraus:
Un Souvenir de Solferino - Eine Erinnerung an Solferino. Dieser Bericht
führt zur Gründung der ersten NGO, der ersten Nichtregierungsorganisation der
Geschichte - nämlich des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz; und zur
Begründung des humanitären Kriegsvölkerrechts der Neuzeit. Diese Schrift steht
am Anfang einer Geschichte, die bis heute aktuell bleibt - bis zu den
Terroranschlägen vom 11. September, bis in die Wochen der Daisy-Cutter-Bomben,
der Splitterbomben über Afghanistan, der flächendeckenden Benzinbomben und der
Bombenabwürfe auf ein Lager von afghanischen Kriegsgefangenen: fast auf den Tag
genau hundert Jahre nach der Verleihung des ersten Friedensnobelpreises an Henry
Dunant (und an den französischen Friedenskämpfer Frédéric Passy). Es ist dies
der Anfang einer immer noch unvollendeten und nie zu einem Ende kommenden
Geschichte des Unmöglichen: der Humanisierung des Inhumanen - des Krieges.
Eine Erinnerung Dunants an Solferino - ein Rapport des immer gleichen
Grauens: "Die Pferde zertreten mit ihren beschlagenen Hufen Tote und Verwundete.
Einem armen Blessierten wird die Kinnlade fortgerissen, einem anderen der Kopf
eingeschlagen, einem dritten, den man hätte retten können, die Brust
eingedrückt ... Den Reitern folgt in gestrecktem Lauf bespannte Artillerie.
Sie bahnt sich ihren Weg über Tote und Verwundete, die auf dem Boden liegen.
Gehirn spritzt aus den zerplatzenden Köpfen, Glieder werden gebrochen und
zermalmt, Körper werden zu formlosen Massen." So zieht sich das Seite um Seite
hin, bis zu der rhetorischen Frage: "Warum mit soviel Behagen sich über
bejammernswerte Bilder verbreiten und sie in einer Weise ausmalen, die man
übergenau und trostlos nennen könnte?" Als Antwort stellt Henry Dunant die
eigentliche Frage, die ihn erst zu diesem Bericht aus der Hölle von Solferino
veranlasst hatte: "Gibt es während einer Zeit der Ruhe und des Friedens kein
Mittel, um Hilfsorganisationen zu gründen, deren Ziel es sein müsste, die
Verwundeten in Kriegszeiten durch begeisterte, aufopfernde Freiwillige, die für
ein solches Werk besonders geeignet sind, pflegen zu lassen?"
"Wie ein Hund" zu Grabe getragen
Im Februar 1863 ernennt die Gemeinnützige Gesellschaft von Genf einen
Ausschuss von fünf Mitgliedern, unter ihnen Henry Dunant, der das erste
Internationale Komitee vom Roten Kreuz bilden sollte. Im Jahr darauf, am 22.
August 1864, wird in Genf die "Konvention, die Linderung des Loses der im
Felddienste verwundeten Militärpersonen betreffend", von zunächst zwölf Staaten
unterzeichnet, die erste aller Genfer Konventionen und die Gründungsurkunde
aller nationalen Rot-Kreuz-Organisationen. Schon bei der Eröffnungssitzung des
Komitees gibt Gustave Moynier, der Präsident der Genfer Gemeinnützigen
Gesellschaft, den Grundkonflikt zu Protokoll: "Statt Mittel zu suchen, um den
Krieg weniger mörderisch zu machen, so hat man behauptet, würden wir besser tun,
die Geißel bei der Wurzel anzugreifen und für eine allgemeine und ständige
Befriedung der Welt zu arbeiten. Wenn man unsere Widersacher anhört, so scheint
es grade, als wenn wir auf nichts weniger hinzielten, als den Krieg zu
legitimieren, dadurch nämlich, dass wir ihn als ein notwendiges Übel
ansehen."
Bald freilich sollten zwei Geschichten einen getrennten Weg gehen: die
offizielle Geschichte des humanitären Kriegsrechts und die persönliche
Geschichte des Henry Dunant. Inzwischen muss man schon ein Spezialist des
speziellen Völkerrechts sein, wenn man die vielfach ergänzten, übereinander
geschichteten, miteinander verflochtenen Konventionen überblicken will. Da ist
zum einen das komplexe Bündel der Genfer Konventionen, die das Wirken der
neutralen humanitären Organisationen ermöglichen sollen. Und da ist zum anderen
das kaum weniger unübersichtliche Geflecht der Haager Konventionen, die das
kriegerische Handeln der verfeindeten Staaten selber zu mäßigen versuchen. Mal
um Mal mussten diese Konventionen weit zurückbleiben hinter der Entwicklung der
Waffentechnik und der zunehmenden Entgrenzung des Krieges, bis hin zu seiner
Totalisierung und zur Entstaatlichung der bewaffneten Konflikte in jüngster
Zeit. Die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten, die
Begrenzung der militärischen Aktionen auf das militärisch Unvermeidliche, die
Schonung der Zivilbevölkerung und ihrer Lebensgrundlagen - alle diese
zivilisatorischen Regulierungen des Zivilisationsbruches werden immer aufs Neue
niedergewalzt. Die Geschichte des humanitären Kriegsrechts - eine Geschichte der
Verzweiflung.
Einen verzweifelten Fortgang nahm auch die Geschichte Henry Dunants. Vier
Jahre nach seinem größten humanitären Erfolg wurde ihm ein betrügerischer
Bankrott bescheinigt. Die Genfer Gesellschaft und das Komitee schlossen ihn aus
ihren Reihen aus. Zwanzig Jahre lang irrte er durch Europa, zuletzt regelrecht
als Clochard. Des Tags hielt er Reden für seine gute Sache, nachts lag er in
Wartesälen und auf Parkbänken: "Ich habe zu denen gehört, die ihre Kleider mit
Tinte aufschwärzen und ihrem Hemdkragen mit Kreide nachhelfen." Im englischen
Plymouth bricht er 1872 während eines Vortrags über diplomatische
Konfliktregelung vor Hunger zusammen. Von 1875 an verschwindet er von der
Bildfläche der Weltöffentlichkeit, die ihn bald für tot hält. Die Familie setzt
dem Verstoßenen 1888 eine Leibrente aus, mit der er sich in dem Appenzeller Dorf
Heiden mehr verkriecht als niederlässt. Zwei Jahre später entdeckt ihn dort ein
Dorfschullehrer, aber erst 1895 melden die Gazetten überrascht: "Der Gründer des
Roten Kreuzes lebt."
Nun häufen sich die Ehrungen und Preise - bis hin zum Friedensnobelpreis.
Nichts von den vielen Preisgeldern verwendet er für sich selbst. Dunant wird das
Zimmer 12 in einem Hospiz in Heiden nicht mehr verlassen, bis er am 30. Oktober
1910 stirbt - ohne Trauerfeier, ohne Leidtragende, ohne Totenzug, nach eigenem
Wunsch zu Grabe getragen "wie ein Hund". Ein Leben als Sonderling! Ein Leben
wie eine Parabel auf den Edelmut und auf die Vergeblichkeit des Bestrebens,
Ritterlichkeit und Humanität im Kriege zu wahren, also das zu sichern, was in
einem modernen Lehrbuch des Völkerrechts so paradox wie makaber ausgedrückt
wird: "die Wertentscheidung zugunsten des menschlichen Lebens und seiner
Existenzfähigkeit auch und gerade in der Vernichtungssituation". Als Henry
Dunant seine Mission begann, ging es ihm "nur" darum, gegen das "unnötige" Elend
im Krieg zu streiten. Am Ende und über aller Vergeblichkeit stritt er, immer
sonderlicher, wie es schien, und geradezu anarchistisch gegen alle Gewalten der
Welt und wurde schließlich ganz zum Pazifisten. Auch das
vergeblich.
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Henry Dunant Gründer des Roten Kreuz |
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